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Last Modified: 01 Jun 2007
By: Channel 4 News

Es machte kaum Schlagzeilen außerhalb Deutschlands. Bayern München plant seinem ehemaligen Spieler Paul Breitner einen Vertrag als Berater zu geben, schreibt Simon Kuper.

"Einmal Experte, immer Experte," erklärte Bayerns Manager Uli Hoeneß, der als junger Mann einst Breitner im Keller ihres gemeinsamen Hauses versteckte.

Franz Beckenbauer, Bayerns Präsident und gemeinsam mit Breitner und Hoeneß Weltmeister von 1974, hatte den Vertrag vermutlich befürwortet. Breitner sagte, er sei so glücklich bei den Bayern dass er keinen Vertrag brauche, aber darum ging es nicht. Einer der großen politischen Konflikte aus Deutschlands Nachkriegszeit hatte stillschweigend geendet.

Als der jugendliche Breitner 1970 aus Kolbermoor bei Rosenheim zu Bayern München kam, war er einer von vielen jungen Deutschen, die von der Studentenbewegung von 1968 inspiriert waren. Auf eine unfokussierte Art war der "rote Paul" ein Rebell. Er ließ sich einen Bart wachsen, behauptete Lenin und Marx zu lesen, und als er zum Wehrdienst gerufen wurde, versteckte er sich im Keller während Hoeneß der Bundeswehr erzählte, "Er ist nicht hier."

Zum allerberühmtesten Ereignis wurde ein Foto, das Breitner von sich selbst in einem Schaukelstuhl sitzend unter einem Mao Tse-tung-Poster machen ließ, während er scheinbar eine chinesisch-kommunistische Propogandazeitung las. In einer hinzugefügten Verzierung saß ein Boxerhund neben Breitner auf dem Boden.

Zum allerberühmtesten Ereignis wurde ein Foto, das Breitner von sich selbst in einem Schaukelstuhl sitzend unter einem Mao Tse-tung-Poster machen ließ, während er scheinbar eine chinesisch-kommunistische Propogandazeitung las.

Heute wirkt das Foto urkomisch. Breitner versucht offensichtlich der kindlichen Vorstellung eines europäischen Intellektuellen zu entsprechen, mit Bart und Zeitung, als ob er Lenin in der Schweiz wäre, der auf die Revolution statt auf den linken Verteidiger wartet. Zur Zeit des Fotos hatte Mao Millionen Chinesen ermordet, doch Breitner, wie die meisten westlichen Maoisten, hielt sich nicht mit Details auf.

Als linker Verteidiger passte Breitner perfekt in die erstklassige Bayernmannschaft. Als Linker hätte er keinen schlechteren Verein wählen können. Die Figur, die bei Bayern den Ton angab, war der Libero Franz Beckenbauer. Wie Breitner dachte auch Beckenbauer über das Leben jenseits des Fußballs nach, kam jedoch zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen. Wenn Breitner die Deutschen an der Macht sah, wollte er rebellieren. Beckenbauer wollte sich ihnen anschließen.

Der "Kaiser" war dem Instinkt nach bürgerlich. Er hatte jung geheiratet - die erste in einer Serie eleganter blonder Frauen -, eine Doppelhaushälfte gekauft und Sprechunterricht genommen. Er versuchte immer, sich mit den Machthabern zu verbünden: sowohl mit der konservativen CSU als auch mit der rechts gerichteten Bild-Zeitung.

Beckenbauer
   Franz Beckenbauer

Zwangsläufig ging ihm Breitner auf den Wecker. Er ging tatsächlich meisten konservativen Deutschen auf den Wecker, wenn er zum Beispiel sagte, dass es "die Konzentration störe" vor internationalen Spielen die Nationalhymne zu hören. Gegnerische Fans, die sich auf Breitners Gebaren einließen, schrieen "Maoist! Kommunist!" zu ihm. Seine Antwort: "Wisst ihr was? I wollte wirklich normal spielen. Aber ihr ruft so einen Blödsinn, dass ich umso besser spielen werde, damit ihr das Maul haltet."

Zum seinem eigenen Unglück wurde Breitner, der ein Plagegeist für die Rechte war, nie zu einem Held der '68er Linken. Diese Rolle ging an den langhaarigen Hedonisten Günter Netzer, auch wenn Netzer apolitisch war. Breitner war zu verrückt, schwierig, unglamourös für einen Helden.

Doch Breitner war Beckenbauer sehr viel ähnlicher als er sich anmerken ließ. Beide Männer waren geborene Kapitalisten. Breitner, der einen Maserati fuhr, sagte einmal, er würde wenn nötig seinen Hintern vermarkten.

Als die westdeutsche Nationalmannschaft von 1974 direkt vor der Weltmeisterschaft in Streik ging und einen Bonus von 100.000 D-Mark pro Person im Falle des Titelgewinns forderte, waren Breitner und Hoeneß die Rädelsführer. Im Trainingslager packte Breitner seine Koffer zweimal in derselben Nacht und machte sich bereit zur Heimreise falls die Forderung der Spieler abgelehnt würde. Beckenbauer bejubelte später die Spielerrevolte als Demonstration ihrer ?eigenen Stärke".

Nachdem Breitner und Beckenbauer aufhörten zu spielen, trennten sich ihre Wege. Beckenbauer wurde Teil des deutschen Establishments; Breitner das Gegenteil. Der Kaiser, der abseits des Spielfelds ebenso beliebt war wie er es auf demselben zu seinen besten Zeiten gewesen war, ragte mächtiger über der Republik in die Höhe als deren Fußballspieler oder Intellektuelle oder Kanzler.

World Cup 1974
   World Cup 1974

Die einzige Ablehnung kam von seiten der Überreste von 1968, die ihn als zu erfolgreich, reich, begierig, rechts gerichtet, unreflektiert, scheinbar unverfroren hinsichtlich der deutschen Vergangenheit, feierlich und bayerisch ansahen.

Es ist kein Zufall, dass Danny Cohn-Bendit, der als "Danny der Rote" die Inkarnation der 1968er Studentenbewegung gewesen war, eine "Allianz gegen Franz" gründete, um Beckenbauer daran zu hindern, UEFA-Präsident zu werden.

Breitner gab es bald auf einen Linken zu mimen, aber er blieb immer ein Rebell und stellte sich gegen jeden, der gerade das Sagen hatte. "Ein Rebell ist jemand, der nicht alles akzeptiert," sagt er. Als Beckenbauer Deutschland managte nannte Breitner ihn "den Totengräber des Fußball".

Beckenbauer konnte Bundeskanzler Gerhard Schröder eine nette Woche bescheren, indem er auf eine nächtliche Flasche Wein in sein Büro kam.

Doch es war ein ungleicher Kampf. Beckenbauer gewann als Manager die Weltmeisterschaft von 1990, brachte die Weltmeisterschaft von 2006 nach Deutschland und konnte Bundeskanzler Gerhard Schröder eine nette Woche bescheren, indem er auf eine nächtliche Flasche Wein in sein Büro kam.

Breitner blieb indessen nichts anderes übrig als sein Geschrei vor allem als Zeitungskolumnist zu verbreiten, denn in der Fußballwelt stellte ihn niemand ein. Als der DFB ihn 1998 zum Teamchef der deutschen Nationalmannschaft ernannte, blieb er ganze 17 Stunden auf diesem Posten, da zu viele Funktionäre sich weigerten ihn zu akzeptieren.

Erst jetzt hat Bayern ihn zurück in die Familie geholt. 1968 ist vorbei. Mao ist tot. Beckenbauer hat gewonnen, aber ebenso der Multimillionär Breitner.